Kosmographie Gayhane Nicolaus Schmidt 2004
Kosmographie Gayhane / Text zur Ausstellung Mein Schwules Auge 3 im Schwulen Museum, Berlin 2006:

Nicolaus Schmidt hat sich seit den späten 80er Jahren in seiner Arbeitsreihe Morphogramme mit Zeichen beschäftigt, die sich aus den Formen menschlicher Körper ableiten.

Für sein aktuelles Projekt Kosmographie Gayhane hat er aus den Zeichnungen von einem kurdischen jungen Mann Zeichen entwickelt, die eine Schrift ergeben. Diese Schrift bezieht sich einerseits v.a. auf die arabische Schrift, die in der Türkei unter Atatürk zugunsten der Lateinischen aufgegeben wurde. Sie stellt andererseits über die Herleitung aus Bewegung und Körperformen einen Bezug zu Tanz, Rhythmus und Musik her. Diese Schrift ergänzt fotografische Portraits, die der Künstler von Besuchern von Gayhane angefertigt hat, der schwul-lesbischen Oriental-Party im SO 36 in Berlin-Kreuzberg.

Gayhane ist einer der temporär erlebbaren Orte mit einer besonderen, unvergleichlichen Atmosphäre. Gayhane ist ein Amalgam aus westlicher und orientalischer Kultur. Das Wort Gayhane selbst ist ein Zwitter aus dem Englischen und dem türkischen „Hane“ für Haus, Gasthaus. Seit 9 Jahren organisiert Fatma Souad das „Oriental House of Halay“ - eine Besonderheit des schwulen Nachtlebens in Berlin. Im SO 36, wo schon der Punk in Deutschland seine Anfänge erlebte, hat Gayhane eine Musikmischung mit geprägt, die inzwischen weltweit für Furore gesorgt hat. Das Projekt Kosmographie Gayhane entsteht in der Kooperation mit Fatma Souad. Normalerweise darf bei Gayhane nicht fotografiert werden, da viele (v.a.) türkische Besucher nicht wollen, dass ihre Familien von ihrem Schwulsein erfahren. Die vorliegenden Fotos sind mit Einwilligung der Portraitierten mitten aus dem Gedränge heraus vor einer Notausgangstür entstanden – unter schwierigen technischen Bedingungen.

Die Kosmographie bezieht sich auf den Mikrokosmos Gayhane, ohne aber ein einfaches Abbild wiederzugeben. Der konkrete Ort ist in den Fotografien ausgeklammert, im Zentrum stehen die Gesichter der Menschen, die diesen Mikrokosmos ausmachen.

Die Texte dieser Kosmographie sind über ihre Schrift nicht lesbar - der Mikrokosmos Gayhane läßt sich vom Besucher/Betrachter nicht einfach erschließen. Sämtliche Texte sind Fragmente aus einem Gedichtzyklus aus der deutschen Romantik, den man beim ersten Nachdenken nicht mit  Gayhane in Verbindung bringen würde:  Die „Winterreise“ von Wilhelm Müller.

Neben den Einzelarbeiten plant Nicolaus Schmidt einen Atlas in Buchform zu produzieren, eine Kosmographie im engeren Sinne des Wortes. Die im Schwulen Museum ausgestellten Portraits sind Teil der Edition Gayhane-Notizen, die jeweils ein Portrait in Beziehung zu einem Textfragment aus der Winterreise in Beziehung setzt. Zum Projekt gehören raumgreifende Installationen von großen Fotografien und in situ hergestellte Textfelder an den Wänden des jeweiligen Ausstellungsraumes.

 

Valencia, Februar 2006   -  Peter Schwanewilms.

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