nicolaus schmidt
Gayhane

ist seit zwanzig Jahren eine Partyreihe im legendären SO 36 in Berlin, ursprünglich von Fatma Souad und Cihangir Gümüştürkmen als „Salon Oriental“ begonnen. „Hane“ steht im Arabischen und im Türkischen für Haus. Gayhane heißt damit so viel wie Schwulenhaus. Die Musik, die hier aus türkischen, arabischen, indischen und anderen Songs gemixt wurde, hatte vor allem in den Anfangsjahren einen großen Einfluss auf andere Metropolen. Neben Fatma Souad hat besonders DJ Ipek Gayhane geprägt. Gayhane ist ein geschützter Raum, es darf nicht fotogafert werden. Ipek: „Erst mit Gayhane hat sich auch in Berlin das Bewusstsein entwickelt: Aha, es gibt da eine Community von Leuten, die einen Migrationshintergrund haben, aber auch LGBTQI sind.“







In Kooperation mit Fatma Souad konnte Nicolaus Schmidt zwischen 2003 und 2006 dennoch inmitten des Tanzgeschehens von Gayhane fotografieren – alle portätierten Personen waren damit einverstanden. Der Künstler musste darauf achten, daß keine anderen Partygäste zufällig aufs Bild kommen, weil ein schwules Leben für viele migrantische Familien auch nach etlichen Jahren in Deutschland ein Tabu ist. Es sind damals eine große Zahl von Porträts entstanden, die u. a. in New York ausgestellt worden sind. 2008 war Fatma Souad zusammen mit Nicolaus Schmidt vom Deutschen Haus der New York University eingeladen worden, um dort aufzutreten.





Damals enstand auch die „Kosmographie Gayhane“, ein Buchkonzept mit den Fotografien und einem Zyklus nicht lesbarer Texte in einer orientalisch anmutenden Schrift. Die Fotografien konzentrieren sich auf die (vom Tanzen) verschwitzten Gesichter. Die Umgebung ist ausgegrenzt. Die Porträts zeigen immer auch die Integrität der Personen, egal wie schräg sich diese präsentieren. Seine Kalligraphien hat Nicolaus Schmidt aus Aktzeichnungen heraus entwickelt. Über die Transformation dieser extrem reduzierten Linien und Formen eines menschlichen Körpers zu Zeichen und schließlich Buchstaben ist eine Schrift entstanden. Diese ist keiner der existierenden Schriften aus dem orientalischen Raum zuzuordnen, erscheint jedoch als plausible Möglichkeit, wie es die türkische Kuratorin Beral Madra Nicolaus Schmidt gegenüber ausgedrückt hat.

Die hinter der artifiziellen Schrift verborgenen Worte und Verszeilen korrespondieren in der Intensität der Gefühle mit der bei Gayhane gespielten orientalischen Musik. Sämtliche Texte sind Fragmente aus einem Gedichtzyklus der deutschen Romantik, der „Winterreise“ – bekannt durch die Musik von Schubert, geschrieben von Wilhelm Müller. In der Kosmographie Gayhane trifft deutsche Romantik auf Arabische und Türkische Populärmusik. In beiden erscheint Liebesschmerz tief wie ein Ozean und schwarz wie die Nacht.

Derzeit wird daran gearbeitet, dass die „Kosmographie Gayhane“ 2020 endlich als Buch herauskommen soll.